Kambodscha steht vor einem entscheidenden Übergang: Die geplante Graduierung vom Status eines am wenigsten entwickelten Landes (LDC) im Jahr 2029 wird als Beginn einer weitaus komplexeren Phase seiner Entwicklung betrachtet, nicht als deren Abschluss. Obwohl das Land sich rasch von der Nachkriegszeit zu einem Land mit mittlerem Einkommen entwickelt hat, fehlt es ihm noch an finanzieller Widerstandsfähigkeit, institutioneller Stärke und Humankapital, um das Post-LDC-Umfeld erfolgreich zu navigieren.
Dieser Übergang bedeutet eine grundlegende Verschiebung der globalen Identität Kambodschas – vom Hilfeempfänger zum Schwellenmarkt. Damit einher geht auch ein Wandel von Konzessionsfinanzierungen zu kommerzielleren Krediten. Laut Experten treten diese Veränderungen oft ein, bevor die Länder die notwendigen Systeme für nachhaltiges und inklusives Wachstum aufgebaut haben. Trotz solider Wirtschaftsdaten wie stetigem Wachstum, niedriger Inflation und einem stabilen Wechselkurs, bestehen weiterhin Anfälligkeiten wie eine stark dollarisierte Wirtschaft, begrenzte Eigenfinanzierung und die Abhängigkeit von externen Geldern.
Ein zentrales Problem ist der Mangel an Fachkräften im mittleren Management, die als "fehlende Mitte" in der Arbeitskraft bezeichnet werden. Während die Wirtschaft stark auf gering bezahlte Arbeitskräfte und eine wachsende Zahl junger Hochschulabsolventen angewiesen ist, fehlt es an technischen und managerialen Experten, die für den Übergang zu einer wissensbasierten Wirtschaft unerlässlich sind. Diese Lücke untergräbt die Leistungsfähigkeit von Ministerien, Kommunen und Unternehmen, die Schwierigkeiten haben, qualifiziertes Personal für die Umsetzung von Politik und die Verwaltung komplexer Systeme zu finden und zu halten.
Die Kombination aus LDC-Graduierung und Humankapitalmangel erfordert ein neues Modell der Entwicklungszusammenarbeit. Entwicklungspartner sollten nicht nur Projekte finanzieren, sondern als „Fähigkeitspartner“ agieren, die Ländern helfen, Anreize zu schaffen, fiskalische Risiken zu managen und institutionelle Tiefe für langfristige Widerstandsfähigkeit zu kultivieren. Die Autoren betonen, dass die entscheidende Frage nicht ist, ob Kambodscha bereit ist für die Graduierung, sondern ob das internationale Entwicklungssystem darauf vorbereitet ist, Länder danach zu unterstützen. Post-Graduierungs-Partnerschaften sollten reziproker sein, eine Mischung aus Konzessionsfinanzierung, technischer Hilfe und Süd-Süd-Zusammenarbeit. Mit der richtigen Unterstützung könnte Kambodscha nach 2029 als Mitgestalter von Entwicklungslösungen für sich und die Region hervorgehen.
Quelle: Sreekanth Ravindran, Cambodia’s 2029 LDC graduation the ‘beginning of a harder journey’, Khmer Times, December 8, 2025.
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