Der Artikel beleuchtet die Eskalation eines seit Jahrhunderten andauernden Grenzstreits zwischen Kambodscha und Thailand, der sich im Dezember zu einer umfassenden Militärinvasion entwickelte. Die Spannungen, die ihren Ursprung in der Interpretation von Karten und historischen Verträgen aus den Jahren 1904 und 1907 sowie den Urteilen des Internationalen Gerichtshofs von 1962 und 2013 haben, flammten Mitte 2025 erneut auf. Ursächlich hierfür war Thailands Weigerung, diese Abkommen zu respektieren, und dessen mutmaßliche expansionistische Ambitionen, die durch nationalistische Strömungen innerhalb Thailands befeuert wurden.
Die Situation verschärfte sich im Mai mit dem Tod eines kambodschanischen Soldaten. Im Juli kam es zu einem fünftägigen Grenzkrieg mit zahlreichen Opfern auf beiden Seiten, der in einem Waffenstillstand und dem von US-Präsident Donald Trump vermittelten Kuala Lumpur Friedensabkommen mündete. Doch nur Stunden nach Inkrafttreten wurden 20 kambodschanische Soldaten von thailändischen Kräften gefangen genommen, von denen 18 in thailändischer Haft verblieben. Im August drangen thailändische Soldaten illegal in kambodschanische Dörfer ein, vertrieben Bewohner und besetzten Land. Im November setzte der thailändische Premierminister Anutin Charnvirakul das Friedensabkommen einseitig aus und stoppte die Rückführung der Soldaten, nachdem er einen Minenunfall, für den er Kambodscha verantwortlich machte, als Vorwand nutzte. Kambodscha wies die Vorwürfe neuer Minenfelder zurück.
Diese Eskalation führte vom 7. bis 27. Dezember zu einer 21-tägigen Invasion Kambodschas durch thailändische Militäroffensiven zu Land, in der Luft und auf See. Die Invasion forderte 32 kambodschanische zivile Todesopfer und fast hundert Verletzte. Mehr als 640.000 kambodschanische Grenzanwohner, davon über die Hälfte Frauen und Kinder, wurden vertrieben. Die Angriffe zerstörten weitreichend zivile Infrastruktur, Schulen, Pagoden und kulturelle Erbestätten, darunter UNESCO-gelistete Denkmäler wie der Preah Vihear Tempel. Sogar weit im Landesinneren, über 100 Kilometer von der Grenze entfernt in den Provinzen Battambang und Siem Reap, wurden zivile Ziele durch thailändische Luftangriffe getroffen.
Am 27. Dezember wurde ein fragiler Waffenstillstand erzielt, vermittelt durch den General Border Committee (GBC) und unter Beobachtung von ASEAN-Beobachtern. In einer gemeinsamen Erklärung verpflichteten sich beide Seiten zur friedlichen Beilegung von Streitigkeiten, zur sofortigen Einstellung aller Feindseligkeiten, zur Einhaltung bestehender Truppenpositionen und zur sicheren Rückkehr der Vertriebenen. Auch die Wiederaufnahme der Grenzvermessung und -demarkierung sowie die humanitäre Minenräumung wurden vereinbart. Internationale Partner wie die französische Nationalversammlung und Indien äußerten Besorgnis und verurteilten die Zerstörung kultureller Stätten.
Experten wie Kin Phea vom International Relations Institute of Cambodia betonten, dass der Konflikt durch Thailands interne politische Instabilität und den Missbrauch des Grenzstreits zur Schürung nationalistischer Gefühle für innenpolitische Zwecke genährt wurde. Youk Chhang vom Documentation Centre of Cambodia forderte Thailands Verantwortung für die Verluste, einschließlich Reparationen und die Einsetzung einer unabhängigen Wahrheitskommission, da ein Waffenstillstand allein die humanitäre Krise nicht lösen werde. Die Freilassung der 18 kambodschanischen Soldaten kurz vor Neujahr bot zwar Erleichterung, die Reparatur der angespannten Beziehungen bleibt jedoch eine Herausforderung.
Quelle: Ben Sokhean, How a border dispute turned into a full-scale invasion of Cambodia, Khmer Times, January 1, 2026.
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